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Zum Künstler
Warum "Für Kunst"?
Jener Tessler, den ich gekannt hatte, war in den 90er-Jahren Werbemann und Grafiker bei einem großen Damenwäsche-Filialisten in Österreich. Das Unternehmen bot ihm die Möglichkeit, ab 1993 Ausstellungen für MalerInnen und GrafikerInnen verschiedenster Richtungen auszurichten, also einzuladen, vorzustellen und mitzuhelfen, neue Verbindungen anzuknüpfen.

Und was meinte er "Mit Kunst"?
Hat er mir nicht erzählt, bei der einen oder anderen Ausstellungseröffnung von der Kindheit und Jugend eines unübersehbar Begabten, davon, wie einige "Westermanns Monatshefte" eine bisher unbekannte Welt erschließen.
Hat er nicht mit einer gewissen Dankbarkeit von der gründlichen Ausbildung an der "Graphischen" gesprochen, weil man ihm dort zu allem Fachlichen als Lithograph und Gebrauchsgrafiker auch jene Arbeitsmethodik beibrachte, die zum Überleben eines Freiberuflers entscheidend beiträgt.
Langsam sind mir einige der Säulenheiligen seiner Jugendjahre eingefallen: Große Romanciers wie Balzac, Dostojewski, Gogol, Steinbeck und Jules Verne. Aber auch sie durfte nicht fehlen, die Trivialliteratur: also Karl May und Edgar Wallace. Große Gegensätze?

Die bildende Kunst der 70er-Jahre in Österreich wurde natürlich nicht ignoriert: Von den Phantastischen Realisten Lehmden und Fuchs, dann Hundertwasser und die damaligen Aktivisten Frohner, Rainer, Mühl, Bruce, Nitsch.
Bei den ganz Großen fielen bestimmt die Namen Picasso und Kokoschka; der wichtigste für Tessler ist bestimmt Magritte. Die graphischen Qualitäten der Comic-Serien, wie "Tarzan" und "Prinz Eisenherz" blieben nicht unbemerkt.
Die Kunstheoretiker? Kandinsky und Goethe mit seiner "Farbenlehre".
Zu Tesslers filmischem Interesse ist mir nur seine Bewunderung für den Filmschöpfer und Zeichner Fellini eingefallen.

Erwartungsvoll hinein ins Ausstellungslokal. Der übliche Trubel. Buffet italienisch orientiert, Sekt, Wein und Mineralwasser. Geplauder, gute Stimmung. Die einführenden Worte hatte ich versäumt. Aber ich hatte es geschafft, Karl Tessler, den Künstler, zu begrüßen.
Wiedererkennen. Biographische Feinabstimmung. Schließlich hatten wir einander seit mehreren Jahren nicht gesehen. Tessler erinnerte mich, dass er nach seiner frühen Hochzeit mit 20 die Welt über Tirol erobern wollte.

Vorher "mit 20 Jahren"
Im Oberinntal, in den Jahren 1970 bis 1980, in seiner Tätigkeit als Werbe- und Gebrauchsgrafiker realisierte er die gesamten Werbeaktivitäten für einen Auftraggeber, scheute aber auch nicht davor zurück, vom "Röhrenden Hirsch" für einen Jagdverein und Panoramaansichten für Fremdenverkehrsvereine zu malen.
Tessler hat es in den 70er-Jahren geschafft, ein Klientel von Werbekunden unterschiedlichster Branchen zu bedienen, Wiener KünstlerInnen in Tirol einzuführen, sich an Ausstellungen in Südtirol, München und Steiermark ("Steirischer Herbst") zu beteiligen und nicht zuletzt mit einem Blatt vom "Ferdinandeum" in Innsbruck angekauft zu werden.
Zwei Bilder dieser Jahre sah ich in der Ausstellung:
Das eine, ein Siebdruck "Bewegung um die Starre", Rot-Blau-Akkord, Gold, Braun, geschlossene Farbflächen im Querformat. Dagegen das Bild "ohne Titel", in Kunstharz auf Holz, hochformatig, lässt vor dunklem Grund helle Konturen von Rechtecken und Quadraten aus gelborangen, roten und grünen sich klärenden und ineinander übergehenden Farbschichten den Betrachter entgegenkommen, blaue Kreise mit Aufhellungen bleiben in Schwebe.

In den neueren Bildern Tesslers erkenne ich alte Gottheiten, sind sie doch sehr direkt wiedergegeben. Dann wieder zeigen sich Silhouetten von Palmen oder die Konturen von Figuren etruskisch-römischer Friese, begleitet von Signaturen oder Worteinfügungen. Die Mitbesucher der Vernissage hatten zwar manchmal den Blick verstellt, Klassifizieren ist zu Recht schwer gefallen, wo unbelastetes Sehen angebracht war.
Tessler hatte mir geholfen mich sicherer in seiner Bilderwelt zu bewegen: Die Natur ist für ihn ganz nahe: Das Weizenfeld vor der Gartentür, der nie fertig gestellte Frachtenkanal, nunmehr ein lang gestreckter See mit kleinbürgerlicher Gartenidylle an den Ufern. Doch mit Wasserpflanzen und Algen, Fischen, Fröschen, Insekten. Darüber Vögel. Über allem die Wolken, in ständiger Veränderung begriffen.
Dazu fällt mir ein (Wikipedia sei Dank), die Meteorologen teilen die Wolken ein in 4 Wolkenfamiien mit 10 Gattungen zu insgesamt 27 Arttypen. Weitere Differenzierungsmöglichkeiten sind vorgesehen. Diese Wolken erscheinen im Licht der Morgensonne, Mittagssonne, Abendsonne; im Mondlicht …

Die Weite erschließt sich Tessler durch's Reisen: Nach Portugal, Italien - immer wieder Rom - Frankreich, England, Schottland und Irland, Flandern und Holland, Reisen nach Marokko.
Reisen ist für Tessler ein Wahrnehmen von Vergangenem. Alte, längst vergangene Kulturen - er nennt mir die mesopotamischen Hochkulturen und das alte China - versucht Tessler in Erinnerung zu rufen, indem er ihre Symbole und Schriftzeichen als wesentliche Elemente in seine Bilder aufnimmt.
Zwischen einigen Bildern in Mischtechnik eine Serie von Fotografien. Ich erkannte gleich Motive aus dem St. Marxer Friedhof. Fotografiert hatte Tesslers Tochter Sigrid. Er überarbeitete die Schwarz-Weiß-Fotos. Rote breite Trennlinien zerreißen die Bilder. Doch Rot, erfahre ich von Tessler, ist für ihn immer Leben, frei von aller Blut-Symbolik.
Die Bilder und Graphiken Tesslers bleiben meistens zweidimensional. "Auf der Staffelei entsteht Malerei, auf dem Zeichentisch Graphik."
So überwiegt malerische Auflösung durch Lasuren auf saugendem Malgrund oder konturierte, flächige Gestaltung. Geometrisch strenge Netze kontrastieren mit konturierten amorphen Gebilden. Dann kann es schon vorkommen, dass Tessler zu verstehen gibt, so ernst ist es nicht gemeint und die Strenge der Komposition bricht: Er stellt einen seiner geliebten Gartenzwerge ins Bild. Mit allem Drum und Dran, mit Abschattierungen, mit schönen Aufhellungen und mit Spitzlichtern.

Ich hatte das Vergnügen mitzuhören, wie Karl Tessler einem vorm Bilde eher ratlosen Betrachter den tieferen Gehalt seines Werkes "Der 7. Zwerg" erklärte. In der Eigeninterpretation hob Tessler nicht nur das sexuelle Moment des Märchens hervor, sondern verhalf auch dem Betrachter dazu, den Frust des 7. Zwerg nachzuvollziehen, der einzige von Schneewittchen ungeliebt gebliebene Zwerg zu sein. Da erkannte ich endgültig, was Karl Tessler mit den Gartenzwergen - diesen zu Überlebenszwecken getarnten Kobolden, Wichteln, Heinzelmännchen, Berg- und Naturgeistern - so innig verbindet.

Jetzt freue mich auf das Wiedersehen mit Karl Tessler und mit seinen jüngsten Werken in einer der nächsten Ausstellungen. Dazu Ihnen und mir viel Vergnügen.

Heinz Peter Voller, Kunstrezipient


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